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Historik

Quelle: "Marionetten aus aller Welt"
World-Copyright 1972 by Silva-Verlag, Zürich Copyright 1977 für die deutsche Sprache
by F.P. Schwitter Holding AG, Zürich
Rheingauer Verlagsgesellschaft mbH, Eltville am Rhein 1978

Einleitung (Auszug)

Wer der erste Puppenspieler war, weiß man nicht. Man könnte sich denken, daß ein mit seiner Puppe
spielendes Kind einem aufmerksamen Beobachter den Anstoß gab, das kindliche Spiel dramatisch zu
entwickeln, und daß daraus, über viele Umwege, vielleicht das Puppenspiel entstanden sei.

Handpuppen Marionetten Stab- oder Stockpuppen Schattenfiguren

Doch die Puppe existierte schon Jahrtausende, ehe sie zum Spielzeug wurde. Viel wichtiger als Kinderpuppen waren unsern Urahnen die den Verstorbenen beigegebenen Grabpuppen, die Ahnenfiguren und die sich daraus entwickelden Haus- und Schutzgötter und Idole, die Fetische und Votivpuppen, die Rache-, Fruchtbarkeits-, Zauberpuppen und Opferfiguren, durch die der Mensch sich Sinnbild un Abbild, magische Verkörperung und Vertretung wie auch ersten künstlerischen Ausdruck geschaffen hat.
Sowenig die Puppe in ihren Anfängen Kinderspielzeug war, so wenig diente das Puppenspiel zur Unterhaltung. Das Puppenspiel wurde vielmehr zu Kultzwecken verwendet. Priester und Schamanen alter Völker wusten um die Wirkung beweglicher Figuren auf die Gläubigen. Noch heute benutzen die Primitiven Afrikas und Ozeaniens bewegliche Puppen bei kultischen Feiern. Und im nordischen Sagen werden Götterbilder erwähnt, die lebendig waren.
Solche Puppen wurden anfänglich wohl nur von Hand bewegt. Später erfolgten die Bewegungen auch auf mechanischem Wege. Diese Mechanismen - Vorläufer der im 18. und 19. Jahrhundert gebauten kunstreichenAutomaten von Vaucanson, der Gebrüder Jaquet-Droz, Kintzing, Roentgen, Robert-Houdin und Alois Meggenberger - wurden im Altertum durch das Schwergewicht von Wasser, Sand und Quecksilber bewegt oder, so bei den Automaten des Heron von Alexandrien (um 100 n.Chr.), auch durch Wasserdruck, erwärmte Luft und Wasserdampf. Heron schuf auch mit Fäden und Gewichten sich selbst bewegende Figuren, die z.B. auf einer Bühne eine Huldigung an Bacchus darstellten.
Durch Herodot (484-425 v.Chr.) wissen wir , daß bei den Osiris-Feiern die Tempelfrauen Figuren herumtrugen, deren Glieder mittels eines Fadens bewegt wurden.
Dio Cassius (155-240 n.Chr.) berichtet von ägyptischen Plastiken, die Blut vergossen.
Bei den römischen Umzügen wurde Gott Manducus mitgeführt, dessen kinderfressender Mund auf- und zugeklappt werden konnte.
Schon im 7. Jahrhundert sollen mittels Fäden oder Federn bewegte Christus-, Marien- und Heiligenfiguren gezeigt worden sein. Erst die Reformation bewirkte, daß von Menschen bewegte Puppen aus den englischen Kirchen verschwanden, die sonst an hohen Festtagen und beim Gottesdienst mitwirkten; in Frankreich wurden sie bis in das 17. Jahrhundert verwendet.
1587 erteilte der Rat von Nürnberg einem Daniel Bertel von Lübeck die Erlaubnis, "seine Kunststücke und Spielwerke als erstlich eine Schiffahrt von Galeeren, wie Türken und Christen miteinander streiten auf dem Meer, auch von lustigen welschen und deutschen Tänzen und schöne Luftsprünge drei Tage um einen ziemlichen Pfennig sehen zu lassen"; 1611 durften "zwei fremde Possirer, die etliche Bilder hierhergebracht haben, die sich selbst bewegen" drei Tage in der Stadt verbleiben.
Ebenfalls in Nürnberg schuf Gottfried Hautsch 1702 für den Wiener Hof ein figurenreiches mechanisches Kunstwerk, "darin er durch etliche hunderterlei Bewegungen die Verrichtungen mehrerer Handwerker, auch noch viel anderes, künstlich darstellte, und es <Die kleine Welt> benannte"
Es ist dies eines der vielen automatischen Theater, welches die Theaterwissenschaft mundi" nennt und das lange Zeit das traditionelle Nachspiel bei den wandernden Marionettenbühnen war.
Beliebteste Darstellungen waren "Die Erschaffung der Welt", "Noah und die Sündflut". Später , im 19. Jahrhundert, sah man Schlachten, Schlittenfahrten, Seestürme und dergleichen.
Noch heute kann man an Weihnachten vor den


Handpuppen: Sie bestehen aus Kopf, Kleid und Armen und werden über die Hand gestülpt. In der Regel werden mit Zeige- oder Mittelfinger der Kopf und durch Daumen und Klein und Klein- oder Mittelfinger die Arme bewegt. Die Figur erhält durch die Hand des Spielers unmittelbares Leben; das Sprechen und Agieren ist ein einheitlicher Vorgang. Gleichermaßen verhält es sich mit der Mimik-Puppe, der mit einem Tuch oder mit einem Handschuh überspannten Hand. Die Bewegungen der zur Faust geballten Finger verändern den Gesichtsausdruck.

Marionetten: Sie sind Gliederpuppen, die entweder an einem am Kopf befestigten Stab hängend geführt werden und denen die Glieder durch deren Schwerkraft oder mit Schnurr und Draht bewegt werden; oder solche Gliederpuppen, die an Fäden hängen und mit diesen dirigiert werden.

Bei den Stab- oder Stockpuppen erfolgt die Bewegung und Führung von unten durch Stäbe. Bei Sonderformen können die Bewegungen durch halbmechanische Einrichtungen erfolgen.

Schattenfiguren sind Flachfiguren aus Lichtundurchlässigem Material. Sie werden hinter einem Bildschirm und meist von unten mit Stäben gespielt wie auch die lichtdurchlässigen farbigen Schemenfiguren aus Asien und der Türkei.